Donnerstag, Juli 27, 2006

Team

Liebe Leser,

heute melde ich mich aus Geiranger, einem wunderschönen Örtchen direkt an einem gigantischen Fjord. Vor Geiranger liegen gerade zwei riesige weiße Kreuzfahrtschiffe, die eine harmonische Einheit mit der atemberaubenden Landschaft bilden.

Pünktlich um 9:00 Uhr fiel der Startschuss zur 110 KM langen Etappe. Beim Einfädeln auf die Nationalstraße stürzt Harald nach wenigen Metern, kann aber sofort weiterfahren und wird durch Alexander wieder an die Spitzengruppen herangefahren. Ich verstecke mich die ersten zehn Kilometer im Peloton, bevor ich ins Renngeschehen eingreife. Geier lässt nichts unversucht, um sich von Harald abzusetzen. Alexander und ich teilen uns die Helferarbeit und fahren unzählige Löcher zu, kontern Attacken oder spannen uns vor das Feld, um das Tempo zu diktieren. Wir kontrollieren das Feld und sind hellwach. Von der Landschaft bekomme ich nichts mehr mit. Ich muss mich auch nicht quälen, sondern leben von der Euphorie und vom Adrenalin, das sich im Körper breit macht. Unser Team funktioniert. Die Norweger scheinen eine Allianz gegen uns zu bilden. Laute Absprachen zwischen den Einheimischen, für uns unverständlich. Die Norwegen sind uns zahlenmäßig deutlich überlegen, wir versuchen ca. 40 Fahrer zu dritt im Schach zu halten. Dann eine gefährlich Situation, zwei Fahrer klemmen Harald am Straßenrand ein. Dann ein extremer Antritt durch Geiers Team auf der Linken Seite. Ich gehe mit. Alex führt Harald aus der Klemme. Der Puls geht über 180. Doch die Attacke ist gekontert. Fahrer, die mit der Gesamtwertung nichts zu tun haben, lassen wir ziehen. Ein tolles Gefühl, entscheiden zu können, wen man ziehen lässt und wen nicht. Ein Norweger fragt mich, ob ich nachsetzen würde, wenn er einen Ausreißversuch startet. Ich bin geschmeichelt! Beim KM 56 dann die Sprintwertung, die entscheidend sein könnte, da es für die ersten Drei 30, 20 und 10 Sekunden Bonus gibt. Ich hänge mich hinter die Sprintergruppe und gewinne den Sprint des Hauptfeldes. Somit nehme ich unseren Gegnern die Möglichkeit, wertvolle Sekunden zu sammeln. Der entscheidende Angriff dann bei KM 70. Alexander kontert gegen den Viertplazierten. Sofort danach dann die Gegenattacke des Dritten der Gesamtwertung (Nr. 159). Ich versuche mitzugehen, bin aber zu spät und kann mich nur an einen weiteren Ausreißer ran hängen. Er will sich in der Führung mit mir abwechseln. Ich mache ihm aber klar, dass ich nicht ausreißen will, sondern nur Attacken verhindern will. Harry und Alex bekommen leider nicht mit, dass ein ernst zu nehmender Fahrer weg gesprungen ist. Ich bleibe an meinen Mann im Illes Baleares Trikot. Wir setzen uns deutlich vom Hauptfeld ab. Bei KM 79 erreichen wir den Fuße des letzten Anstiegs auf 1.500m – fünf Kilometer mit durchschnittlich zwölf Prozent, also ein echter Hammer – überraschte Geier durch Inaktivität: die Ausreisversuche von ihm und seinem Team waren gescheitert und er fühlte sich nicht stark genug um gegen Harald zu bestehen. „I don’t go for the second place.“ sagte er und ließ sich zurück fallen. Große Worte von einem starken Sportler.

Wir fahren auf Naturstraße mit Schotter auf der Piste. Ich nehme etwas raus und warte auf Harald. Nach drei Kilometern hat er mich. Ich reiche ihm Cola und versuche für wenige Meter das Tempo für Harry zu machen. Dann muss ich mich zurück fallen lassen und konzentriere mich auf mein eigenes Ergebnis.

Im Ziel dann die Ungewissheit, ob wir das Leader Trikot verteidigen konnten oder nicht. Ein irischer Ausreißer, letztes Jahr noch als Profi in Diensten beim französischen AG2r Team, kam mit großem Vorsprung an. Der Norweger mit der Nummer 159. hat uns ca. 4 min. auf die Gesamtwertung abgenommen. Ob es reicht, wissen wir leider erst bei der Siegehrung heute Abend. Ich hatte einen starken Tag und bekam Lob von allen Seiten. Alex und mir hat es wirklich unglaublich viel Spaß gemacht im Leaderteam mitzuarbeiten und einen Sonderstatus im Feld zu genießen. Für Harald war es nicht ganz so spaßig. Auf ihm lastet viel Druck. Er ist einfach der Fahrer im Feld, den es zu schlagen gibt.

Sollten wir das Trikot heute abgeben, werden wir uns für die morgige letzte Etappe eine Taktik zurecht legen, wie wir es wieder die Hände von „Renn-und-Sportrad“ bringen können. Drückt uns ganz fest die Daumen, für das große Ziel!!!!!

Unser Team funktioniert übrigens nicht nur auf der Straße sehr gut, auch bei den alltäglichen Dingen läuft es prima und wir verstehen uns prächtig. Einzige Kommunikationsprobleme gibt es beim Thema Mannschaftskasse. Alex bevorzugt den kaufmännischen Style und will unsere Kasse eher wie ein Wirtschaftsunternehmen führen. Harald hat den pragmatischen Ansatz und will einfach nur alle Ausgaben notieren und ich will nicht über Geld reden, kann es aber auch nicht lassen immer wieder blöde Kommentare abzugeben. Aber wie ihr seht, wenn wir uns bei solchen Themen reiben, ist alles in Ordnung!

Mit Ergebnissen ist es echt schwierig, da der Veranstalter das nicht so fix auf die Reihe kriegt. Ich schätze mal, dass Harald weiter erster oder zweiter ist. Alex müsste Platz 13 und ich mich um den 30ten bewegen.

Liebe Grüße aus Geiranger,
die drei Ottensener

Paddy ganz oben, Geiranger ganz unter



Alex bewacht unseren Rivalen "Geier" auch noch im Ziel :-)

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

WOW, eine tolle Etappe muss das gewesen sein! Angesichts deiner spannenden Beschreibung hätte ich den wohl packenden Teamzweikampf ja gern im Tv gesehen ;)

Viel Glück euch Dreien

Anonym hat gesagt…

Hallo ihr drei Helden!

Das wird ja noch richtig spannend bei euch. Wär schon klasse, wenn Harald seine Kamera am Rad hätte und uns mit den Bildern versorgen könnte, die Patrick so unnglaublich gut rüberbringt. Für morgen wünsche ich euch viel Luft und weiterhin so starke Beine!

alexander

Anonym hat gesagt…

dit is ja spannender wie tour de frace!
go renn und sportrad, go!
radfahren ist halt ein mannschaftssport.
und die ex-profis sind eh alle gedopt.

nächstes jahr komme ich im teamfahrzeug mit.
sebastian

Anonym hat gesagt…

Meine Güte ist das spannend! Da bleibt mir ja beim lesen schon der Atem stehen, unfassbar!!
Ich denk den ganzen Tag an Euch und drücke ganz fest die Daumen für euren letzten Tag. Ich hoffe Harald ist weiter nichts passiert.
Patrick: deine Berichte sind super, man hat das Gefühl man ist live dabei! Ich glaube Pressesprecher steht dir auch besser als Wasserträger zu sein ;)

Weiterhin viel Adrenalin und starke Beine,
liebe Grüße, Majorna

Olaf Hänsel hat gesagt…

ich hab zwar sonst mit radsport nix weiter am hut...
aber ihr seid definitiv die kings!
weiter so! und macht sie fertig!

weiterhin alles gute für die "letzten meter"
;))!

olaf